GIG DIARY

- 12. Juli 2018, Restaurant Hellberg Zürich -

Wir spielen im Hellberg in Zürich. Wenn man routiniert vom HB aus da hinläuft, gedankenverloren auf das Westufer der Limmat gerät und plötzlich auf der Wühre überall Kameras bedient werden, fällt einem auf: ziemlich schön hier! Man erreicht das Restaurant in der Zinnengasse sonst auch sehr gut mit dem Limmatboot bis Anlegeplatz Storchen seewärts. Die Tische vom Hellberg stehen heute alle auf der Gasse mit beiläufigem Blick aufs Wasser, unser Gastgeber Alexander hat drinnen Platz gemacht für uns. Die Finalisten der FIFA Fusball-WM (Frankreich gegen Kroatien) stehen seit gestern fest, heute ist Spielpause. Der öffentliche „WM-Kater“ in der Schweiz ist zum Glück vorüber. Woran liegt denn das: wenn die Nati im Achtelfinal verliert, sieht man bei uns kaum einen der glücklichen Gewinner im Fernsehen oder in der Zeitung zu Wort kommen. Das wären doch versöhnliche Momente, wenn man sieht, wie sich ein starkes Schweden über einen hart erkämpften Sieg gegen eine gefürchtete Schweizer Mannschaft freut, als hätte man es mit einem Brasilien zu tun gehabt. Vielmehr bittet man Spieler der Nati, vor laufender Kamera ihre Enttäuschung nochmal für die Zuschauer daheim in Worte zu fassen, so fast wie: Herr Lichtsteiner, Sie fliegen jetzt heim, aus und vorbei. Wir zeigen Ihnen hier nochmal in der Wiederholung ihren Fehlpass in der 69. Minute: hätte das der Ausgleich werden können? Wie schlimm fühlt sich dieser Gedanke jetzt an? Und wenn der Spieler nach 10 Kilometern Kämpfen auf dem Platz nicht die selbstvernichtenden Worte findet, die ein frischerer Wortschatz hergeben könnte, werden für die Zeitung am nächsten Morgen Experten befragt, die mit dem Spiel abrechnen. Nächstes Mal lieber schnell umschalten auf das schwedische Fernsehen, da freut man sich und lobt die Schweizer: Man habe es mit einem starken Gegner zu tun gehabt, könnte man da von den Schweden zu hören bekommen, Ein Sieg gegen die Schweizer Nati, das sei in diesem Turnier eine Ehre. Zurück zu unserem Konzert: wir spielen wild und leichtsinnig, undiszipliniert in die Nacht hinein. Unsere Wiederholung von der vermasselten Bridge bei "On the Tracks" zeigt eindeutig, dass Richie den Pass zum Wechsel in den C-Teil wohl platziert, Pablo aber nicht in den freien Raum läuft, sondern zurück in die Strophe! Ein C-Teil sollte eigentlich den Hörer überraschen, Pablo, nicht den Musiker... hier in der Zeitlupe schauen Sie aber selbst ziemlich überrascht, als Sie den Einsatz verpassen, höhö, was war da los? Excuse me... do you have the whole concert on camera? Cool, can I see the part in Crossfire where Phil grooves the hell out of this place and puts a smile on everyone’s face with the syncopes on the ride? Richie, come over here, you’ve got to see this! Bei dieser Gelegenheit, Richie, wie stehen Sie zu dem Lärm-Eklat mit den Anwohnern, die Polizei musste schlichten... Cool, d Chatz i de erschte Reihe hets au ufgnoh! Läck, die isch eifach abghaue vor de Pause… Eh Alex, hesch die do scho mol xe? Mer neme au no zwöi Stange… Phil, können Sie dann wenigstens jetzt nach dem Auftritt in Worte fassen: Was hat das Konzert zu einem solchen Hexenkessel, zu einem solchen Chaos werden lassen? Hm... es waren sicherlich zum einen die Hormone... und zum anderen gewiss auch die Harmonien. Erstmal viel Druck auf dem Kessel und dann kam auch noch ein grosses Ventil dazu. Viele der Anwesenden waren seit Wochen oder Monaten nicht mehr auf einem Konzert. Die Musiker eingeschlossen. Da brauchen Sie die Zügel nur eine Handbreit zu öffnen und plötzlich gehen die Pferde mit allen durch. Die anonyme und doch verbindliche, selbstverständliche und zugleich vergängliche Zusammenkunft von Altbekannten und Passanten, ein gefundenes Fressen für den Rock’n’Roll. Nach dem Gig ist vor dem Gig, gut’ Nacht!

- 24. Mai 2018, El Compañero, Zürich -

Wir spielen im El Compañero in der Sihlhallenstrasse, Ecke Langstrasse, in Zürich. Auf den ersten Blick eine Hot-Dog Bude. Durch die Seitentür ist die aber verbunden mit einer alt-ehrwürdigen Eckkneipe. Der Wirt, der uns die Hintertüre aufschliesst, muss uns bis zum Eintreffen des diensthabenden Barmanns unmittelbar wieder verlassen aber macht das sofort mit einer grossen Geste wieder gut. Was folgt gleicht erneut einer kitschigen Männerfantasie: wir als Band dürfen uns an der Bar selbst bedienen. Ich fühle mich dankend an meine alten Tage als Barmann erinnert als ich mich nun instinktiv in nur wenigen Augenblicken schon hinter dem Tresen im El Compañero orientiert habe. Die Kühlschubladen müssen definitiv noch aufgefüllt werden, es ist ein heisser Vor-Sommerabend. Dann entdecke ich einen kleinen Schatz. Ein ganzes Kühlfach voll Tannenzäpfle. Wahrscheinlich weil das Hotel über der Beiz Hotel Rothaus heisst, gibt es an der Bar dieses Pils der deutschen Rothaus Brauerei. Womit man dann als bierkundiger Mensch nach dem Prosten immer punkten kann, ist der Verweis auf das Etikett, auf dem „Badische Staatsbrauerei“ steht. Es scheint nicht nur ein Mythos zu sein, dass der Erlös aus der Herstellung des Tannenzäpfle in die Staatskasse des deutschen Bundeslands Baden-Württemberg fliesst. Wie eine Staatslotterie, nur dass jeder, der etwas kauft, auch etwas Materielles bekommt für sein Geld. Dank der historischen Quasi-Nie-Entlegalisierung des Alkohols in Zentral-Europa kann sich die Bierbranche also sogar in staatlicher Hanf befinden… äh, Tippfehler, ich meinte: Hand. Hier an der Langstrasse, wo es uns in diesem Jahr also schon zum zweiten Male hinverschlagen hat mit einem Gig, gibt es (wie nicht zuletzt auch die Laufkundschaft bei unserem Konzert und der Blick aus dem Fenster verrät) Branchen, die selbst der Kalifornische Staat noch nicht aus dem Zwielicht eines sich selbst kontrollierenden Marktes holen könnte. Vor einigen Tagen ist Pfarrer Sieber verstorben. Seine Anlaufstelle auch für solche, die den Absprung von der Vergnügungsmeile kurzfristig oder langfristig nicht hinbekommen, ist gerade um die Ecke. Ja, diese Gegend hat ihren Reiz, hier ist Leben auf der Strasse und die Verheissung von Begegnung liegt in der Luft. Die Geschäfte leben von dem Sog, mit dem die Partygänger herströmen und gegen den manche am Ende des Abends nur noch mithilfe von einem Taxi ankämpfen können. Wenn das Bargeld oder die Nüchternheit dafür nicht mehr langt, dann kann man in einer Nacht hier (wie auch anderswo) theoretisch tief sinken. Ich persönlich glaube, dass der Pfarrer Sieber auch so dachte. Ich glaube, er dachte, dass der soziale Abstieg theoretisch jeden treffen kann und es damit manchmal schneller gehen kann, als man denkt. In seiner kleinen Not-Pension an der Langstrasse blieb gewiss Einigen ihre erste Nacht auf der Strasse erspart. Zurück zu unserem Konzert: ein Kollege von mir hört uns zum ersten Mal spielen und merkt am Ende als Kompliment an, dass er keinen Fehler in unserem Spiel entdeckt habe. Da frage ich mich für einen Moment, worauf es mir selbst bei einem Konzert ankommt. Ich habe ungefähr zehnmal danebengegriffen auf dem Bass. Pro Song. Und pro Saite. Im Lichte der Unvollkommenheit, die -meiner Meinung nach- jede Aufführung eines Songs als grobe Umsetzung einer reinen Idee mit sich bringen muss, erstrahlen die Momente umso heller, in denen plötzlich die Räder ineinandergreifen und man mitgerissen wird von der Musik, die man ja eigentlich in dem Augenblick selber erzeugt. So wie ein Tannenzäpfle auch bei Zimmertemperatur super schmeckt, wenn man richtig Durst hat (oder wenn man dem Bundesland Baden-Württemberg etwas Gutes tun möchte), so bereitwillig hat mein Kollege wohl über die Spielfehler des mitgerissenen Bassisten hinweggehört, weil ihm das deutsche Bier so gut geschmeckt hat.

- 17. März 2018, Silvercube Lounge Dielsdorf -

Wir spielen in einer Lounge in einem Gewerbegebiet in Dielsdorf (ZH). Ein Labyrinth aus schier ewig langen kahlen Gängen im Keller einer Industriehalle, von Brandschutztüren gesäumt, führt plötzlich in den gemütlichsten Hobby-Keller, den ich jemals betreten habe. Schwer zu sagen wie, aber hier stimmt der goldene Schnitt der Kunstpalmenwedel mit dem Fluchtpunkt der Lichtorgel aufs Authentischste überein. Ehrlich, hier würde ich gerne mal in aller Ruhe eine Auszeit nehmen vom kühlen Möchte-gern-Chic oder dem gezwungenen Soll-extra-gar-nicht-schön-Sein so mancher Bars und Clubs in den Städten, wenn man mal entspannt etwas zu feiern hat und gerne unter sich sein möchte. Eine super Kulisse, um Bandfotos zu machen. Übrigens: wenn es Eines gibt, das sich noch dämlicher anfühlt, als sich willentlich fotografieren lassen zu müssen, dann ist es, wenn man dabei auch noch von den Kollegen und Partnerinnen beobachtet wird, die bereits in der Lounge rumhängen. Aber da muss man sich jetzt wohl dran gewöhnen im Showbiz, haha. Einige Zuschauer machen jedenfalls als wir spielen auch Aufnahmen vom Konzert mit dem Telefon. Das darf man aber wahrscheinlich weder persönlich nehmen, noch darf man sich darauf etwas einbilden, denn die Leute machen heute eigentlich ständig Aufnahmen von allem. Da gab es ja mal so eine Pietäts-Debatte zu den Beisetzungs-Selfies, die von Jugendlichen online gepostet wurden. #megatraurig #dressblack @Waldfriedhof, oder so ähnlich. Die Tatsache, dass ich bis eben nicht wusste, wie man das Rautenzeichen (#) auf dem MacBook macht (press „alt“ + „3“), spricht für einen gewissen digitalen Analphabetismus. Besonders, wenn man sich kurz darauf noch sagen lassen muss, dass man dazu inzwischen hashtag sagt. Ich würde ja niemals ein Selfie von mir auf einer Beerdigung auf einer sozialen Medienplattform hochladen. Das liegt aber auch daran, dass ich auch sonst so gut wie nichts hochlade und davor gar keinen Zugang zu einer solchen Plattform habe und davor auch so gut wie nie Selfies mache. Wenn die Kids dagegen mal einen halben Tag kein Selfie posten, dann ist das für die etwas sehr ungewöhnliches. Die machen bei Beerdigungen einfach keine Ausnahme. Besonders dann nicht, wenn sie sich noch hübsch dafür gekleidet haben. Find’ ich OK. Zurück zu uns: ich bin angenehm überrascht, als ich die Mitschnitte auf dem Telefon zu sehen bekomme. Vielleicht lade ich die ja noch hoch: #megastolz #meandtheboyz @SilvercubeLounge, oder so ähnlich.

- 7. März 2018, Rossi Bar Zürich -

Wir spielen in der Rossi Bar Nähe Langstrasse auf engstem Raum, wie beim Proben quasi. Finde ich gut, ist nämlich seltsam, wenn man die Bands auf den grossen Festivals so sieht, verteilt auf gefühlten 100 qm. Richtig cool fand ich da mal den Auftritt von Tocotronic auf einem Open-Air vor 10 Jahren: die haben sich alle dicht geschlossen in die Mitte der gigantischen Bühne gestellt, das Schlagzeug unten vor das Podest, und somit vielleicht nur ein Zehntel der Fläche genutzt. Ein sehr sympathischer Zug in meinen Augen, fast noch cooler als ihr Instrumententausch bei Top of the Pops damals. Da wusste der Kamera-Mann gar nicht mehr, wohin er filmen sollte beim Gitarrensolo (es spielte am Ende der Bassist auf dem Keyboard). Zurück zu uns: ich würde sagen, es ist ein gelungener Auftakt zur Gig-Saison. Anschliessend heisst es noch kurz in einen Kellerclub um die Ecke gehen. Mir schwant reflexartig Übles, sind das doch immer die verhängnisvollen Anfänge eines Abends gewesen, wenn man noch so sagte: „OK, ich kann aber echt nicht lang bleiben...“. Tatsächlich soll es für all jene noch spät werden, die keine harte Frist von der letzten Zugverbindung gestellt bekommen. Es bietet sich mir ein für mich vertrautes Bild aus vergangenen Zeiten, als man den Ausgang unter der Woche noch prima mit dem Langzeitstudium vereinbaren konnte. Aber seitdem damals gegen Ende des 14. Semesters der Kommilitonenkreis langsam aber sicher den Ernst des Lebens nicht mehr leugnen konnte, habe ich Mittwochabende wie diesen für mich eigentlich für ausgestorben geglaubt. Ja, eigentlich weiss man es besser und nein, man tut sich sowas eigentlich nicht mehr an. Aber man muss zu unserer Verteidigung auch dazusagen, wie es anfing. Wir gehen nämlich gerade rein und da hören wir tatsächlich noch hinter uns, wie sich die Türsteher untereinander absprechen: „Ab jetzt nur noch Damen reinlassen“ (oder ähnlich). Ohne Worte. Mir kann es natürlich egal sein, ich nehme den letzte Zug. Jan erzählt bei der nächsten Probe eine der üblichen Geschichten der Party-Veteranen, die am endlosen Vormittag danach gleich das Sitzungsprotokoll führen und bitter büssen müssen. Das sind die Momente der leisen Genugtuung für auswärts wohnende Zugreisende.

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